Der Feindsender
Am 8. März 2026 stimmte die Schweiz darüber ab, ob sie die Finanzierung jener Institution halbieren will, deren Empfang das Dritte Reich einst mit dem Tod bestrafte. Sie sagte Nein. Beide Seiten der Debatte lagen falsch. Das eigentliche Problem ist jenes, das keine Seite benennen wollte — und das nach der Abstimmung unverändert weiterbesteht.
Die Frequenz
Irgendwo im besetzten Frankreich, 1943. Ein Mann kauert über einem Radioempfänger, die Lautstärke kaum über einem Flüstern. Die Vorhänge sind zugezogen. Seine Familie schläft. Wenn ein Nachbar ihn meldet, wenn die Gestapo den Sender auf dieser Frequenz findet, ist die Strafe klar: Verhaftung, Deportation, wahrscheinlich Tod.
Die Frequenz ist Radio Beromünster. Die Stimme ist Jean Rudolf von Salis. Die Sendung ist die «Weltchronik» — eine wöchentliche Zusammenfassung des Kriegsgeschehens, gesendet aus einem kleinen Studio in der Schweiz, mit einem Signal, das stark genug ist, um Afrika, die beiden Amerikas und ganz Besetzt-Europa zu erreichen.
Von Salis schreit nicht. Er propagiert nicht. Er beschreibt. Er berichtet über deutsche Rückschläge neben alliierten. Er erläutert das Funktionieren der britischen Parlamentsdebatte, während das Reich totalen Gehorsam verlangt. Er anerkennt Komplexität, wo Goebbels Gewissheit fabriziert.
Dafür stuft das Nazi-Regime den Schweizer Nationalsender als Feindsender ein. Das Wort ist präzise. Nicht «Opposition». Nicht «Konkurrent». Feind. Denn das Gefährlichste, dem ein totalitäres Regime gegenüberstehen kann, ist nicht eine feindliche Armee, sondern ein ehrliches Signal.
Dreiundachtzig Jahre später, an einem Sonntag im März, stimmten die Nachkommen jener Menschen, die dieses Signal aufgebaut hatten, darüber ab, ob es ihnen das Geld wert sei. Sie sagten Ja. Die Frage, ob das Signal noch ehrlich ist, stand nicht auf dem Stimmzettel.
Teil I: Unterhaltung als Beschwichtigung
Die SRG wurde nicht gegründet, um den Faschismus zu bekämpfen. Sie wurde gegründet, um die Arbeiterklasse bei Laune zu halten. Das ist kein Zynismus, sondern die dokumentierte historische Faktenlage.
1918 brachte der Landesstreik 250'000 Arbeiter auf die Strasse. Die Forderungen waren grundlegend: 48-Stunden-Woche, Altersversicherung, Invalidenversicherung, Frauenstimmrecht. Der Bundesrat antwortete mit Soldaten. In Grenchen wurden drei Arbeiter erschossen. Die Umstände wurden nie vollständig aufgeklärt.
Die herrschende Klasse war erschüttert. Nicht von den konkreten Forderungen — die meisten wurden schliesslich Jahrzehnte später gewährt — sondern von der Mobilisierung. Von der Erkenntnis, dass die arbeitende Bevölkerung sich organisieren konnte, kollektiv handeln konnte, die bestehende Ordnung bedrohen konnte.
Als das Radio in den frühen 1920er Jahren als Massenmedium aufkam, betrachtete die Schweizer Regierung es durch genau diese Linse: als Werkzeug, das kontrolliert werden musste. 1923 bewilligte Bundesrat Robert Haab (FDP) private Radiosender unter strengen Auflagen: Keine Werbung, keine politischen oder religiösen Inhalte, Programmgestaltung unter staatlicher Aufsicht.
Das Radio sollte unterhalten und bilden. Es sollte ausdrücklich nicht informieren.
Die Logik war transparent. Information bedeutete Politik. Politik bedeutete Debatte. Debatte bedeutete, dass die falschen Leute anfangen könnten, selber zu denken. Die Zeitungsverleger lobbyierten, um ihr Nachrichtenmonopol zu bewahren. Die Regierung kam ihnen gerne entgegen.
Als die SRG 1931 formell als nationaler Dachverband der regionalen Sender gegründet wurde, war ihr Auftrag klar: Unterhaltung und Bildung. Das Schweizer Publikum sollte Musik erhalten, kulturelle Sendungen, Sprachprogramme. Was es nicht erhalten sollte — bewusst und gewollt — war Journalismus.
Der erste Höhepunkt der SRG war nicht die Information. Es war die verwaltete Zufriedenheit.
Teil II: Wie der Krieg die SRG bedeutsam machte
Adolf Hitler änderte alles.
Als die Nazis 1933 die Macht übernahmen, taten sie etwas, das die Schweizer Regierung sofort verstand: Sie machten das Radio zur Waffe. Alle deutschen Medien wurden gleichgeschaltet — auf Linie gebracht. Der Presse wurde diktiert, was sie zu schreiben hatte. Das Radio wurde zu einem einzigen Staatssender zusammengelegt. Das Signal, das in jedes deutsche Wohnzimmer drang, transportierte ein einziges, totales, unanfechtbares Narrativ.
Und dieses Signal machte nicht an der deutschen Grenze halt.
Schweizer Haushalte konnten deutsche Sendungen klar empfangen. Die Programme waren professionell, gut produziert, fesselnd; und giftig. Als Österreich 1938 ins Reich eingegliedert wurde, begrüsst von jubelnden Massen, die jahrelang mit Nazi-Radio mariniert worden waren, verstand die Schweiz, womit sie es zu tun hatte.
Die Antwort des Bundesrats war die geistige Landesverteidigung. Zum ersten Mal definierte die Regierung, was «schweizerisch» und was «unschweizerisch» war. Und zum ersten Mal erhielt die SRG eine Rolle jenseits der Unterhaltung: Sie sollte die Schweizer Identität selbst verteidigen.
Dies war der Moment, in dem die SRG mehr wurde als ein Radiodienst. Sie wurde zum Instrument der Souveränität.
Als 1939 der Krieg ausbrach, war die Transformation abgeschlossen. Der Bundesrat verbot alle privaten Sender. Die SRG wurde zur einzigen legalen Stimme der Nation. Ihre Programmgestaltung wurde der Kontrolle des Post- und Eisenbahndepartements unterstellt. Sie war, im buchstäblichsten Sinne, ein Staatssender.
Aber hier liegt die entscheidende Unterscheidung, die sowohl Verteidiger als auch Kritiker der SRG konsequent übersehen: Die SRG wurde zum Staatssender, um ein Anti-Propaganda-Sender zu sein. Die staatliche Kontrolle war der Mechanismus. Der Zweck war das Gegenteil von Propaganda — ein Signal zu liefern, das dem totalitären Narrativ entgegenwirkte, das von jenseits der Grenze hereinflutete.
Die Weltchronik war der reinste Ausdruck dieses Zwecks. Von Salis wurde zensiert; er musste seine Manuskripte jeden Freitagmorgen der militärisch kontrollierten Sendedirektion vorlegen, und sie kamen mit Schwärzungen zurück. Informationen über Nazi-Gräuel an Juden, Roma, Sinti, politischen Gefangenen und Behinderten wurden minimiert. Die Zensur war real und beschämend.
Und dennoch. Selbst innerhalb dieser Einschränkungen war der schlichte Akt, die Realität aus mehreren Blickwinkeln zu beschreiben, revolutionär. Von Salis' neutrale Berichterstattung über sowohl deutsche als auch alliierte militärische Entwicklungen widersprach dem Nazi-Narrativ allein durch ihre Existenz. Sein subtiler Kommentar zu demokratischer Regierungsführung — das Lob der britischen Parlamentsdebatte in Kriegszeiten, ohne das Reich explizit zu verurteilen. Das war Subversion durch Understatement.
Die Nazis verstanden das. Radio Beromünster wurde zum Feindsender erklärt. In den besetzten Gebieten konnte das Zuhören das Leben kosten.
Das war der Massstab für den Wert der SRG: Die Mächtigen wollten sie zum Schweigen bringen.
Teil III: Fünfzig Jahre Ringen um Unabhängigkeit
Der Krieg endete. Die staatliche Kontrolle nicht.
Dies ist der Teil der SRG-Geschichte, den sowohl die Gegner als auch die Verteidiger der SRG lieber übergehen, weil er beide Narrative verkompliziert.
Nach 1945 hielt der Bundesrat das Verbot privater Sender aufrecht. Er hielt die SRG an der kurzen Leine. Die Institution, die gegen ausländische Propaganda in Stellung gebracht worden war, blieb in Friedenszeiten eine Waffe, die die Regierung nur ungern aus der Hand gab.
Der Weg der SRG vom Staatsinstrument zum unabhängigen öffentlichen Sender dauerte Jahrzehnte des Kampfes — und es war das Schweizer Volk, nicht die Regierung, das ihn erzwang.
Die Provokation der 1960er. Als das SRG-Fernsehen junge Journalisten einstellte — dieselbe Generation, die auf den Strassen gegen sozialen Konservatismus protestierte, gegen die Konkubinatsgesetze, gegen das fehlende Frauenstimmrecht — geriet das konservative Establishment in Panik. Das «Freitagsmagazin» interviewte 1961 eine Prostituierte. Es plante Beiträge über Antisemitismus und Kriegsdienstverweigerer. 1963 zwang politischer Druck die SRG, die Sendung einzustellen.
Der Vorwurf war bereits vertraut: Die SRG sei «zu links». Zu provokativ. Zu bereit, Perspektiven Raum zu geben, die das Establishment unangenehm fand.
Mit anderen Worten: Die SRG tat — kurzzeitig — genau das, was Radio Beromünster getan hatte: Dinge senden, die die Macht lieber nicht gesendet sehen wollte.
Der Hofer-Club, 1974. BGB-Politiker (SVP-Vorgänger) Walther Hofer gründete die «Schweizerische Fernseh- und Radiovereinigung» mit einer expliziten Mission: die «Parteilichkeit, insbesondere Linkslastigkeit» der SRG zu bekämpfen. Der Club zielte nicht nur auf die Programmgestaltung, sondern auf einzelne Journalisten. Er überschwemmte die neue Beschwerdekommission der SRG mit Briefen. Bundesanwalt Hans Walder forderte, dass «die Linksextremisten, die sich in den Medien eingenistet haben, entfernt werden, auch wenn es ausserordentlich schwierig ist, ihre Verbindung zu subversiven Organisationen nachzuweisen.»
Das Volk wehrt sich. 1975 bereiteten der bürgerlich dominierte Bundesrat und das Parlament ein neues Rundfunkgesetz vor, das die staatliche Kontrolle über die SRG verstärkt hätte. 1976 lehnte das Schweizer Volk es ab — 56,7% Nein.
Das Volk wollte keinen staatlich kontrollierten Sender. Es wollte Unabhängigkeit.
Das Piratensignal. 1979 begann der ehemalige SRG-Journalist Roger Schawinski, Radio 24 vom Pizzo Groppera in Italien zu senden — Rock und Pop für junge Schweizer Hörer, werbefinanziert, operierend in einer rechtlichen Grauzone, weil die Schweiz privates Radio noch immer verbot. Die Behörden versuchten wiederholt, ihn abzuschalten. Sie scheiterten. 212'000 Schweizer Bürger unterschrieben Petitionen zu seiner Unterstützung. 1983 legalisierte der Bundesrat schliesslich privates Radio.
Die demokratische Einigung. 1984, nach zwei gescheiterten Anläufen, stimmte das Schweizer Volk einem neuen Rundfunkartikel in der Bundesverfassung zu. Das darauf folgende Gesetz von 1991 etablierte den Rahmen, der heute noch gilt:
Die SRG muss vielfältige, sachliche Information, Bildung und Unterhaltung über alle Sprachregionen hinweg bieten. Sie muss den nationalen Zusammenhalt und die Schweizer Kulturidentität fördern. Sie muss den Kontakt mit den Auslandschweizern pflegen. Und — entscheidend — sie darf nicht von Bundes-, Kantons- oder Gemeindebehörden gesteuert werden.
Das Volk hatte wiederholt gesprochen: Es wollte eine SRG, die unabhängig, umfassend und mehrsprachig war. Kein Staatssprachrohr. Kein Partei-Werkzeug. Eine Institution, die der Demokratie diente, indem sie die Bürger so informierte, dass sie selber denken konnten.
Das war die Einigung. Das war der Gesellschaftsvertrag.
Die Frage ist nicht, ob die SRG finanziert werden soll. Die Schweiz hat sie am 8. März 2026 beantwortet, wie sie sie 2018 beantwortet hat: Ja.
Die Frage, die niemand auf den Stimmzettel geschrieben hat, ist, ob die SRG den Vertrag einhält.
Teil IV: Wie der Feindsender zum Konsens wurde
Irgendwann zwischen 1991 und heute hat sich etwas verändert.
Es geschah nicht über Nacht. Es war kein Putsch. Es gab kein Memo, keine Verschwörung, keinen Moment, in dem jemand entschied, die SRG solle aufhören, unabhängig zu sein, und anfangen, institutionell zu werden. Es geschah so, wie institutionelle Vereinnahmung meistens geschieht: allmählich, unsichtbar, durch Einstellungsmuster und redaktionelle Reflexe und das langsame, bequeme Abdriften in die Weltsicht jener Klasse, die die Institution besetzt und verwaltet.
Das SRF — der deutschsprachige Arm, der die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung erreicht — ist zu etwas geworden, das seine Gründer nicht wiedererkennen und seine Kriegsarchitekten nicht respektieren würden.
Es ist zur Stimme des Schweizer institutionellen Konsenses geworden.
Das ist nicht der Vorwurf der SVP. Die SVP sagt «linkslastig». Das ist eine parteiische Kritik, die sich als Medienanalyse tarnt. Sie reduziert ein strukturelles Problem auf eine Zugehörigkeit. Sie stellt die falsche Frage («Auf wessen Seite steht SRF?») statt der richtigen («Befähigt SRF die Bürger zum Denken, oder sagt es ihnen, was sie denken sollen?»).
Die korrekte Diagnose ist institutionelle Vereinnahmung: der Prozess, durch den eine öffentliche Institution, die ursprünglich der Öffentlichkeit dienen sollte, den Interessen jener professionell-administrativen Klasse dient und deren Weltsicht spiegelt, die sie betreibt. Das Ergebnis sieht für jene innerhalb der Blase wie Neutralität aus. Für jene ausserhalb sieht es aus wie Propaganda mit besseren Produktionswerten.
So funktioniert es in der Praxis.
Die Schlaufe. SRF lädt Experten ein. Diese Experten kommen überwiegend von öffentlich finanzierten Institutionen — ETH Zürich, Universität Bern, MeteoSchweiz. Ihre Forschung wird durch Fördermittel finanziert, die innerhalb desselben politischen Rahmens operieren, über den die Sendung berichtet. Sie bestätigen das Narrativ. SRF präsentiert dies als «Expertenkonsens». Niemand in der Schlaufe lügt. Die Experten glauben aufrichtig an ihre Analyse. Die Journalisten glauben aufrichtig, dass sie die Wissenschaft abbilden. Aber die Auswahl — wer das Mikrofon bekommt, welche Fragen gestellt werden, welche Unsicherheiten beleuchtet werden — hier liegt die eigentliche redaktionelle Macht.
Die Angleichung. 2022 brach die Schweiz Jahrhunderte prinzipientreuer Neutralität, um EU-Sanktionen gegen Russland zu übernehmen. Dies war wohl die folgenreichste aussenpolitische Wende seit dem Wiener Kongress. Sie verdiente den rigorosesten, vielstimmigsten Journalismus, den die SRG je hervorgebracht hatte. Was sie bekam, war Anpassung. Von Salis, der 1943 von Beromünster aus sendete, gab den Komplexitäten beider Seiten eines Krieges Raum, der moralisch weit eindeutiger war als dieser. Seinen Nachfolgern gelang dasselbe nicht.
Das Schweigen. Der mächtigste redaktionelle Akt ist nicht, was man sagt. Es ist, was man nicht sagt. Die RKI-Files von 2024 — offizielle Protokolle, die systematische Diskrepanzen zwischen internen Einschätzungen und öffentlicher Kommunikation während der Pandemie belegten — waren direkt relevant für jede COVID-Massnahme, die der Schweizer Bevölkerung auferlegt wurde. SRFs Berichterstattung war minimal. Weil die Geschichte unbequem ist. Weil sie Fragen wieder aufwirft, die der institutionelle Konsens als geklärt betrachtet.
So funktioniert institutionelle Vereinnahmung. Nicht durch Verschwörung. Durch Komfort.
Teil V: Die Falle — Warum die Abstimmung am Kern vorbeiging
Am 8. März 2026 lehnte die Schweiz die Initiative ab, die jährlichen Rundfunkgebühren von 300 auf 200 Franken zu senken. Wie erwartet. Wie sie No Billag 2018 abgelehnt hatte.
Die Initiative hätte auch bei Annahme nichts am Grundproblem geändert. Sie berührte das redaktionelle Mandat nicht. Sie adressierte die institutionelle Vereinnahmung nicht. Sie hätte regionale Programme eliminiert und Minderheitensprachendienste ausgehöhlt, ohne den Charakter der SRG zu verändern. Die Weltsicht wäre exakt dieselbe geblieben; lückenhaft.
Schlimmer noch: Die Initiative hätte einen konkreten Frankenbetrag in der Bundesverfassung verankert. Einen Preis — 200 CHF — im selben Dokument wie unsere Grundrechte. Verfassungen regeln Prinzipien, nicht Tarife. Und das Geld wäre direkt vom Staat gekommen. Aus staatsnahem Fernsehen wäre echtes Staatsfernsehen geworden. Die SRG hat 50 Jahre darum gekämpft, von der direkten Staatskontrolle loszukommen. Die Initiative hätte sie zurückgegeben.
Die Verteidigung war ebenso leer. «Die SRG wurde gegen Propaganda geschaffen, also müssen wir sie genau so erhalten» verwechselt die Institution mit ihrer Funktion. Eine Institution, die von ihrer Funktion abgedriftet ist, wird nicht heilig, weil sie diese Funktion einmal erfüllt hat.
Die Debatte, die die Schweiz brauchte — und die weder die Befürworter noch die Verteidiger zuliessen — handelte nicht vom Geld. Sie handelte davon, ob die Institution, die zum Schutz des unabhängigen Schweizer Denkens gebaut wurde, zu einem Instrument geworden ist, um es zu verwalten. Diese Frage stand nicht auf dem Stimmzettel. Sie steht auch jetzt nicht auf einem Stimmzettel. Und deshalb bleibt sie nach der Abstimmung genauso unbeantwortet wie vorher.
Teil VI: Der Feindsender-Test
Es gibt einen einfachen Test für jeden öffentlichen Sender. Nennen wir ihn den Feindsender-Test.
Würden die Mächtigen dieses Signal am liebsten zum Schweigen bringen?
1943 lautete die Antwort: Ja. Die Nazis verboten ihn. Zuhören war mit dem Tod bedroht. Radio Beromünster verdiente den Titel Feindsender, weil es Realität sendete in einer Umgebung fabrizierter Illusion.
2026, stellen wir die Frage erneut.
Würde der Bundesrat SRF zum Schweigen bringen wollen? Nein. Würde die Pharmaindustrie? Nein. Würde das Klima-Policy-Establishment? Nein. Würde der aussenpolitische Konsens? Nein.
Kein Machtzentrum in der Schweiz braucht SRF heute zum Schweigen zu bringen. Weil SRF bereits innerhalb der Parameter sendet, die die Macht akzeptabel findet.
Das Signal ist stark. Der Sender funktioniert.
Er ist nur kein Feindsender mehr, sondern ein Konsenssender.
Epilog: Was Von Salis sagen würde
Jean Rudolf von Salis starb 1996. Er erlebte nicht mehr, wie die SRG, die er mitgeprägt hatte, zur SRG der 2020er Jahre wurde.
In seinen Weltchronik-Sendungen war seine Methode stets dieselbe: die Welt beschreiben, wie sie ist, aus so vielen Blickwinkeln wie möglich, und darauf vertrauen, dass der Zuhörer seine Schlüsse selber zieht. Er sagte seinem Publikum nicht, was es zu denken hatte. Er beschrieb — und im Beschreiben machte er das Denken möglich.
Das war das Geschenk. Nicht die Meinung. Der Raum für Meinungen. Nicht die Schlussfolgerung. Die Belege, aus denen Schlussfolgerungen gezogen werden konnten. Nicht das Narrativ. Die Fakten, aus denen Narrative konstruiert werden konnten; von freien Köpfen.
Die heutige SRG liefert das Narrativ vorfertig montiert. Es ist professionell. Es ist poliert. Es ist — innerhalb des eigenen Rahmens — oft faktisch korrekt. Aber es hat das Verhältnis zwischen Sender und Bürger umgekehrt. Von Salis vertraute dem Zuhörer. Das SRF verwaltet den Zuhörer.
Und in einem Land, in dem der Zuhörer auch der Stimmbürger ist — in dem jede Bürgerin und jeder Bürger direkte demokratische Macht über die Politik ausübt — ist den Zuhörer zu verwalten gleichbedeutend damit, die Demokratie zu verwalten.
Das ist der Verrat. Nicht an der Linken oder der Rechten. An der Funktion.
Der 8. März kam und ging. Die Schweiz stimmte ab. Die SRG überlebte. Und nichts änderte sich. Nicht weil die Finanzierung gesichert ist. Sondern weil die Frage, die zählt, nie gestellt wurde.
Die Frequenz, die einst Tyrannen erzittern liess, sendet den bequemen Konsens einer Klasse, die vergessen hat, wozu das Signal da war.
«Es ist an sich bereits ein merkwürdiges Schauspiel, kaum denkbar ausserhalb Englands, dass ungeachtet der Angriffsfläche, die es fremden Mächten bietet, im britischen Parlament, mitten in einem Krieg, umfassende Kritik an der Regierung geübt werden kann.»
— Jean Rudolf von Salis, Weltchronik, Radio Beromünster, 1943
Er vertraute seinen Zuhörern, den Subtext zu hören. Die Frage ist, ob seine Nachfolger ihren Zuhörern überhaupt noch irgendetwas zutrauen.
Quellen: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS); Schweizerische Bundeskanzlei, Abstimmungsdatenbank; Schweizerisches Bundesarchiv; Jean Rudolf von Salis, Grenzüberschreitungen (Autobiographie); Theo Mäusli, Radio und Fernsehen in der Schweiz (2006); Willi Gautschi, Der Landesstreik 1918 (1968); Roger Schawinski, Radio 24; fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft, Universität Zürich; SRG-Archiv; Systematische Rechtssammlung des Bundes.
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