Der Kapitalismus, den wir nicht haben
9min zu 9min — Teil 2 der Serie. Über ein System, das den falschen Namen trägt — und warum diese Verwechslung politisch produktiv und intellektuell ruinös ist.
Die Diagnose, die immer falsch ist
Wenn etwas schiefläuft, ist der Kapitalismus schuld.
Wenn die Mieten steigen, ist es kapitalistische Gier. Wenn Banken zusammenbrechen, hat der Kapitalismus versagt. Wenn die Krankenkassenprämien explodieren, sind kapitalistische Strukturen das Problem. Wenn die Ungleichheit wächst, lebt man in einem System, das auf Kapitalakkumulation aufgebaut ist und entsprechende Folgen produziert.
Diese Diagnose ist so weit verbreitet, dass sie kaum noch hinterfragt wird. Sie wird von linken Kritikern erhoben, von kirchlichen Stellen, von Soziologen, von Klimaaktivisten. Sie wird gelegentlich auch von Konservativen geteilt, die den «zügellosen Kapitalismus» beklagen und sich nach Ordnung sehnen. Sie ist eine der wenigen Diagnosen, die quer durch politische Lager Konsens erzeugt.
Sie hat einen entscheidenden Mangel: Sie beschreibt ein System, das nicht existiert.
Was die Schweiz, Deutschland, die USA und praktisch alle westlichen Länder heute praktizieren, ist kein Kapitalismus im engeren Sinn. Es ist ein hybrides System, das ökonomisch zutreffend als Geldsozialismus (Roland Baader), Crony Capitalism oder schlicht als Mischwirtschaft mit sozialisierten Risiken und privatisierten Gewinnen bezeichnet werden kann. Dieses System trägt den Namen «Kapitalismus», weil es bestimmte oberflächliche Merkmale teilt: private Unternehmen, Märkte, Preise, Eigentumsrechte. In seinem Kern funktioniert es jedoch nach Regeln, die der kapitalistischen Logik fundamental widersprechen.
Die Diagnose «Der Kapitalismus ist schuld» richtet sich also gegen ein System, das es so nicht gibt. Die tatsächlichen Verursacher der diagnostizierten Probleme bleiben unsichtbar — weil sie unter dem falschen Etikett laufen.
Was Kapitalismus eigentlich heisst
Milton Friedman hat es deutlich formuliert: Kapitalismus ist ein Profit-und-Verlust-System. Beide Hälften sind essenziell. Der Profit signalisiert, dass eine Aktivität Wert schafft und fortgesetzt werden soll. Der Verlust signalisiert, dass Ressourcen verschwendet werden und die Aktivität eingestellt gehört. Ohne diesen Rückkopplungsmechanismus gibt es keine Allokationseffizienz, keine Korrektur, kein Lernen.
«Verlust» bedeutet im kapitalistischen System nicht moralisches Versagen, sondern eine notwendige Informationsfunktion. Wenn ein Unternehmen Verluste schreibt, sagt das System: Hier werden Ressourcen falsch eingesetzt. Hört auf damit. Tut etwas anderes. Wenn dieser Mechanismus ausgeschaltet wird — durch Subventionen, durch Bailouts, durch staatliche Garantien, durch Marktzugangsbeschränkungen für Konkurrenten —, dann hört das System auf, kapitalistisch zu funktionieren. Es wird zu einer Form von Planwirtschaft, in der die Planungsentscheidungen nicht durch ein Politbüro, sondern durch die Verflechtung von Politik, Notenbanken und Grosskonzernen getroffen werden.
Der Kapitalismus als reines System lebt von der Selbstverantwortung. Wer ein Risiko eingeht, trägt das Risiko. Wer Verluste produziert, geht bankrott. Wer Gewinne erwirtschaftet, behält sie — und die Steuer dazu. Diese Symmetrie zwischen Chance und Risiko ist das, was den Markt zum Ordnungsmechanismus macht. Sie ist auch das, was praktisch nirgendwo mehr existiert.
Die zwei sozialistischen Fundamente
Roland Baader, der Schweizer Ökonom und scharfe Kritiker des modernen Wirtschaftssystems, hat in seinem Buch Geldsozialismus zwei Fundamente identifiziert, auf denen das heutige System aufbaut — und die mit Kapitalismus nichts zu tun haben.
Erstens: das staatliche Geldmonopol. Geld wird nicht mehr durch private Übereinkunft, durch Märkte oder durch eine an reale Ressourcen gebundene Substanz definiert. Geld wird durch staatliche Zentralbanken geschaffen, die nach politischen Erwägungen über die Geldmenge entscheiden. Seit 1971 lebt die Welt in einem Fiatgeld-Regime. Geld hat keinen Anker mehr. Es wird geschaffen, weil es geschaffen werden kann. Die Schweiz hielt länger durch — bis 1999 verpflichtete die Bundesverfassung die SNB zu einer Goldmindestdeckung der Banknoten. 1999 wurde dieser Artikel gestrichen. 130 Jahre schweizerische Geldtradition endeten formell. Wir traten dem globalen Fiat-System bei.
Zweitens: die zentrale Planung der Zinsen. Der Zins ist im freien Markt der Preis der Zeit. Er reflektiert die Knappheit von Kapital, die Risikobereitschaft der Sparer, die Zukunftserwartungen einer Volkswirtschaft. In einem kapitalistischen System würde dieser Preis durch Angebot und Nachfrage gefunden. In allen modernen westlichen Volkswirtschaften wird er durch Zentralbankentscheidungen gesetzt. Eine Handvoll Personen — Notenbankrat, Direktorium, geldpolitischer Ausschuss — legt fest, was die Zeit kostet. Das ist Planwirtschaft im genauesten Sinn des Wortes.
Diese zwei Fundamente — staatliches Geld, planwirtschaftlicher Zins — sind so tief in das System eingelagert, dass ihre Existenz kaum mehr als bemerkenswert wahrgenommen wird. Sie gelten als Naturgegebenheiten. Sie sind aber das, was den Kapitalismus von innen aushöhlt. Auf diesen sozialistischen Fundamenten baut das, was an der Oberfläche wie ein freier Markt aussieht.
Die Inflation als Enteignung
Die Konsequenzen dieses Systems sind nicht abstrakt. Sie sind in jeder Haushaltsbilanz spürbar. Wenn Geld unbegrenzt geschaffen werden kann, sinkt sein Wert. Diese Wertabnahme wird in den offiziellen Statistiken als «Inflation» registriert und in der Regel als unvermeidliches Phänomen beschrieben. Tatsächlich ist sie eine direkte Folge der Geldmengenausweitung.
Wer Sparbücher hält, wer Lohnerhöhungen bekommt, die unter der Inflationsrate liegen, wer feste Renten bezieht, wird über die Zeit ärmer — nicht weil er etwas falsch macht, sondern weil sein Tauschmittel an Wert verliert. Baader nannte das stille Enteignung. Die Formulierung ist scharf, aber arithmetisch korrekt. Wenn die Geldmenge schneller wächst als die produzierten Güter, verteilt sich die gleiche Menge Güter auf mehr Geldeinheiten. Pro Geldeinheit gibt es weniger zu kaufen. Wer Geld hält, hat verloren. Wer das neu geschaffene Geld als Erster erhält — typischerweise Banken, Staat, Grosskonzerne mit Kreditzugang —, hat gewonnen.
Dieser Mechanismus, der Cantillon-Effekt genannt wird (nach dem irisch-französischen Ökonomen Richard Cantillon, der ihn bereits im 18. Jahrhundert beschrieb), ist eine Umverteilung von unten nach oben. Er wirkt zugunsten derjenigen, die am Geldschöpfungsprozess nahe sind, und zulasten derjenigen, die weit davon entfernt sind. Der Lohnempfänger ist weit davon entfernt. Die Investmentbank ist sehr nahe dran. Der Rentner ist weit weg. Der Hedgefonds ist mittendrin. Wer die Vermögenspreisentwicklung der letzten Jahrzehnte mit der Lohnentwicklung vergleicht, sieht den Cantillon-Effekt in Reinform.
Die Linke beklagt seit Jahrzehnten die wachsende Ungleichheit. Sie sieht ihre Ursache im Kapitalismus. Tatsächlich liegt sie zu einem wesentlichen Teil im Geldsystem — also in einem Bereich, der mit Kapitalismus nichts zu tun hat. Sie beklagt also die Folgen einer Politik, die sie selbst zu einem grossen Teil getragen hat: lockere Geldpolitik, Niedrigzinsen, Staatsschulden, Subventionen. Sie diagnostiziert «Kapitalismus», wo «Geldsozialismus» die genauere Beschreibung wäre. Die Rechte sieht das Problem ebenfalls nicht — oder will es nicht sehen.
Die Sozialisierung der Verluste
Ein kapitalistisches System würde Banken pleitegehen lassen. Ein kapitalistisches System würde grosse Konzerne, die sich verspekulieren, der Marktbereinigung überlassen. Ein kapitalistisches System würde Staaten, die ihre Schulden nicht bezahlen können, in den Bankrott schicken. Nichts davon geschieht in den heutigen Volkswirtschaften.
2008 war der Modellfall. Die Banken hatten Risiken aufgebaut, die sie selbst nicht mehr verstanden. Die Verluste materialisierten sich. In einem kapitalistischen System wäre das das Ende gewesen. Die Banken hätten geschlossen, ihre Vermögen wären liquidiert worden, neue Akteure hätten ihre Marktanteile übernommen. Die Eigenkapitalgeber hätten ihr Geld verloren — was sie als Risikoträger zu tragen haben.
Stattdessen wurden die Banken gerettet. Mit öffentlichem Geld, mit Notenbankliquidität, mit Garantien. Das Risiko wurde sozialisiert, die Gewinne — sobald die Krise vorbei war — blieben privat. Dieselben Banken zahlten kurze Zeit später wieder Boni. Dieselben Akteure machten dieselben Geschäfte. Was aus Sicht des Kapitalismus eine Korrektur sein sollte, wurde zur Bestätigung des Status quo.
Die Schweiz erlebte den eigenen Modellfall 2023. Die Credit Suisse war eine global systemrelevante Bank, jahrelang von Skandalen erschüttert, von Managementfehlern zerrüttet, von Eigenkapitalgebern hinreichend bewertet. In einem kapitalistischen System wäre sie liquidiert worden. Tatsächlich wurde sie an die UBS verkauft — mit über 200 Milliarden Franken staatlicher Garantien, mit einer Notrechtsverordnung des Bundesrates, die das Parlament und den Aktionärsschutz umging, und mit einer faktischen Enteignung der AT1-Anleger zugunsten der Aktionäre. Eine Banken-Marktbereinigung sieht anders aus. Was hier praktiziert wurde, war das Gegenteil von Kapitalismus: eine staatlich orchestrierte Risikoumverteilung, in der die systemtragende Bank überlebte und der Steuerzahler das Restrisiko trug.
Diese Asymmetrie — sozialisierte Verluste, privatisierte Gewinne — ist das definierende Merkmal des Crony Capitalism. Es ist kein Kapitalismus. Es ist ein System, in dem bestimmte Akteure von der staatlichen Sicherheitsgarantie profitieren, ohne deren Kosten zu tragen. Friedman hatte das vorhergesehen. Wenn der Verlustmechanismus ausgeschaltet wird, sagte er, hört der Markt auf, ein Markt zu sein. Er wird zu einer staatlich-privaten Verflechtung, in der politische Macht und ökonomische Macht ununterscheidbar werden.
Wer dieses System kritisiert, kritisiert es zu Recht. Wer es als «Kapitalismus» bezeichnet, verfehlt sein Ziel. Der Kapitalismus hätte die Krise von 2008 gelöst, indem er die verantwortlichen Akteure zur Rechenschaft gezogen hätte. Der Kapitalismus hätte die CS 2023 sterben lassen. Das System, das wir tatsächlich haben, hat sie geschützt.
Die Krankenkasse als Lehrstück
Die schweizerische Krankenversicherung ist ein anschauliches Beispiel für die Verwirrung der Begriffe. Sie wird gelegentlich als «kapitalistisches» System dargestellt, weil sie auf privaten Kassen, Wettbewerb und Wahlfreiheit aufbaut. Sie wird dann von links kritisiert: zu wenig Solidarität, zu viel Markt, zu viel Profit.
Das ist eine fast vollständige Verkennung. Das schweizerische Krankenversicherungssystem ist eines der am stärksten durchregulierten Systeme der Welt. Die Kassen müssen ein staatlich definiertes Leistungspaket anbieten. Die Tarife werden zwischen Verbänden ausgehandelt und vom Bund genehmigt. Der Kontrahierungszwang verhindert, dass Kassen sich Versicherte aussuchen. Der Risikoausgleich neutralisiert die Vorteile selektiver Aufnahme. Die Prämienregionen werden vom Bund festgelegt. Die Reserven werden vom Bund vorgeschrieben.
In diesem System ist praktisch nichts marktwirtschaftlich. Die Kassen konkurrieren auf Margen, die in einem engen administrativen Korridor liegen. Sie können nicht über Leistungen konkurrieren, weil die Leistungen vorgeschrieben sind. Sie können nicht über Risiken konkurrieren, weil der Risikoausgleich greift. Sie konkurrieren über Verwaltungseffizienz und Marketing — was praktisch keinen Einfluss auf das Gesamtsystem hat.
Die Prämienerhöhungen, die jedes Jahr beklagt werden, sind keine Folge kapitalistischen Verhaltens. Sie sind die Folge politischer Entscheidungen über das Leistungspaket, über die Tarife, über die zugelassenen Akteure, über die Subventionierungslogik. Wer die Prämienerhöhungen beklagt und «den Kapitalismus» dafür verantwortlich macht, schiesst auf den falschen Adressaten. Der eigentliche Adressat sitzt im Bundeshaus.
Dasselbe gilt für die Pharmaindustrie. Sie wird als kapitalistischer Akteur kritisiert, der Profite über Gesundheit stellt. Tatsächlich operiert sie in einem System, das durch Patentschutz, behördliche Marktzugangsregulierungen, staatlich verhandelte Preise und obligatorische Versicherungsdeckungen geprägt ist. Ohne diese staatlichen Strukturen würde die Pharmaindustrie nicht so funktionieren, wie sie funktioniert. Ihre Profite sind nicht kapitalistische Marktprofite — sie sind in vielen Fällen monopolistische Renten, die durch staatlich verbriefte Schutzmechanismen ermöglicht werden.
Der Markt ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass der Markt durch staatliche Eingriffe so geformt wurde, dass bestimmte Akteure systematisch begünstigt werden. Wer diesen Sachverhalt korrekt diagnostiziert, kommt zu anderen Schlüssen als wer alles unter dem Etikett «Kapitalismus» zusammenwirft.
Die Hypothek der Sprache
Warum hält sich der Begriff «Kapitalismus» so hartnäckig, obwohl er das beschriebene System nicht zutreffend bezeichnet? Mehrere Gründe spielen zusammen.
Erstens ist «Kapitalismus» ein politisch nützlicher Begriff. Er erlaubt es allen Lagern, ihre eigenen Positionen zu schärfen. Die Linke kritisiert «den Kapitalismus» und meint die soziale Ungleichheit. Die Rechte verteidigt «den Kapitalismus» und meint die Marktwirtschaft. Beide Seiten reden über das gleiche Wort und meinen verschiedene Dinge. Diese semantische Unbestimmtheit ist politisch produktiv: Jeder kann seine Position einnehmen, ohne sich auf eine konkrete Systembeschreibung festlegen zu müssen.
Zweitens bedient «Kapitalismus» moralische Schemata. Er erlaubt es, ein anonymes System verantwortlich zu machen für Ergebnisse, die sonst konkreten Akteuren zugerechnet werden müssten. Wer sagt «Der Kapitalismus produziert Ungleichheit», muss nicht sagen «Diese Notenbankpolitik produziert Vermögensblasen». Wer sagt «Der Kapitalismus zerstört die Umwelt», muss nicht sagen «Diese spezifischen Subventionen für fossile Energien produzieren diese Schäden». Die abstrakte Systemkritik ist konkreten Akteuren angenehmer als die spezifische Verantwortungszuschreibung.
Drittens ist der Begriff schlicht etabliert. Er wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt — von Marx und seinen Nachfolgern, die eine bestimmte historische Wirtschaftsform beschreiben wollten. Er hat sich verselbständigt und wird heute auf Systeme angewendet, die mit der ursprünglichen Begriffsbestimmung wenig zu tun haben. Aber niemand hat ein besseres Wort. «Geldsozialismus» klingt akademisch, «Crony Capitalism» englisch, «Korporatismus» faschistisch konnotiert. So bleibt es bei «Kapitalismus» — auch wenn das Etikett nicht passt.
Was der Kapitalismus leisten würde
Es lohnt sich, einen Moment zu überlegen, was ein echter Kapitalismus leisten würde. Nicht, weil er praktisch realisierbar wäre — er ist es kaum —, sondern um den Kontrast zum bestehenden System sichtbar zu machen.
Ein echter Kapitalismus hätte hartes Geld. Das Geldsystem würde von staatlicher Kontrolle gelöst. Es könnte goldgedeckt sein, es könnte aus konkurrierenden privaten Währungen bestehen, es könnte — wie in den letzten Jahren diskutiert — durch dezentrale digitale Systeme gestützt werden. Der entscheidende Punkt: Geld könnte nicht mehr beliebig geschaffen werden. Wer mehr Geld will, müsste es verdienen. Wer Schulden macht, müsste sie zurückzahlen oder bankrottgehen. Der Staat könnte nicht mehr durch Inflation finanzieren, was er nicht durch Steuern eintreiben kann.
Ein echter Kapitalismus hätte freie Zinsen. Die Zinsen würden den realen Preis der Zeit reflektieren. Sparer würden für ihren Konsumverzicht entlohnt, statt durch Niedrigzinsen bestraft. Investitionen würden nach realer Rentabilität getätigt, nicht nach Subventionierungskalkül. Zombie-Unternehmen, die nur durch Niedrigzinsen am Leben gehalten werden, würden bankrottgehen. Die Korrektur wäre schmerzhaft. Sie würde aber eine gesündere Struktur produzieren.
Ein echter Kapitalismus hätte echte Verlustträger. Wer scheitert, verliert. Wer sich verspekuliert, geht pleite. Banken würden geschlossen, nicht gerettet. Konzerne würden bereinigt, nicht subventioniert. Staaten würden in den Bankrott gehen können, wenn sie über ihre Verhältnisse leben. Das ist hart. Es ist auch das, was den Markt funktionsfähig macht.
Ein echter Kapitalismus hätte freie Bildung von Preisen — auch für Arbeit. Mindestlöhne würden nicht durch Regulierung gesetzt, sondern durch Markt. Das bedeutet nicht zwangsläufig niedrigere Löhne. In funktionierenden Märkten konkurrieren Arbeitgeber um Arbeitskräfte und müssen wettbewerbsfähige Konditionen bieten. Es bedeutet aber, dass die Preisbildung dezentral und informationsreich erfolgt.
Ein echter Kapitalismus hätte schliesslich einen kleinen Staat. Nicht zwingend keinen Staat — auch klassische liberale Theoretiker wie Friedman und Hayek sahen Aufgaben für den Staat in der Bereitstellung öffentlicher Güter und der Sicherung von Eigentumsrechten. Aber einen Staat, der nicht 40, 50 oder 60 Prozent des Bruttoinlandprodukts umverteilt. Einen Staat, der nicht eigene Unternehmen gegen private Konkurrenz schützt. Einen Staat, der nicht durch Bürokratien das wirtschaftliche Leben in Detailtiefe reguliert.
Nichts davon existiert in der Schweiz, in Deutschland, in den USA, in Frankreich oder in Japan. Was existiert, ist eine Mischung aus Marktelementen und sozialistischen Strukturen — wobei die sozialistischen Strukturen im Geldsystem, im Sozialstaat, in der Wirtschaftsregulierung und in der Verteilungslogik überwiegen. Der Anteil des Staates am Bruttoinlandprodukt liegt in den meisten westlichen Ländern zwischen 35 und 55 Prozent. Das ist mehr Staat als Markt. Mit Kapitalismus hat es wenig zu tun.
Die richtige Diagnose
Wer die Probleme der heutigen Gesellschaft adressieren will — Ungleichheit, Wohnungsnot, Verschuldung, ökologische Schäden, Vermögensblasen, soziale Polarisierung —, muss die richtige Diagnose stellen. Die Diagnose «Kapitalismus» ist falsch. Die Diagnose Geldsozialismus kommt der Sache näher. Die Diagnose Crony Capitalism bezeichnet die institutionelle Verflechtung von Staat und Grosskonzernen. Die Diagnose interventionistische Mischwirtschaft ist akademisch korrekt, aber sprachlich sperrig.
Was sie alle gemeinsam haben: Sie zeigen, dass das Problem nicht im Markt liegt, sondern in der Mischung. Es liegt im Geldsystem, das keine ehrlichen Preise mehr produziert. Es liegt im Sozialstaat, der so umfangreich ist, dass er den Markt verdrängt, ohne ihn zu ersetzen. Es liegt in der Notenbankpolitik, die Vermögenswerte aufbläst, während Löhne stagnieren. Es liegt in der politisch-administrativen Verflechtung, die bestimmte Akteure begünstigt und andere benachteiligt.
Die Lösung dieser Probleme liegt nicht in «mehr Sozialismus», also in einer Verstärkung dessen, was bereits die Probleme produziert. Die Lösung liegt auch nicht in «mehr Kapitalismus» im Sinne einer Deregulierung dort, wo Regulierung sinnvoll ist. Die Lösung liegt in einer Klärung der Begriffe und in einer ehrlichen Bestandsaufnahme dessen, was tatsächlich existiert.
Wir leben nicht im Kapitalismus. Wir leben in einem System, das sich Kapitalismus nennt und dabei die schlechtesten Eigenschaften aus Markt und Staat kombiniert: die Risikobereitschaft eines Spielers mit der Risikoabsicherung eines Staatsbeamten. Wer dieses System kritisiert, ohne seinen wahren Charakter zu benennen, hilft, es zu erhalten. Wer es korrekt benennt, eröffnet die Möglichkeit, es zu verändern.
Die Verteilung der Verantwortung
Eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem System würde die Verantwortlichkeiten anders verteilen, als es die übliche Diagnose tut.
Die Notenbanker, die seit zwei Jahrzehnten Geld in nie gesehenem Ausmass schaffen, tragen Verantwortung für die Vermögenspreisinflation und damit für die wachsende Ungleichheit zwischen Vermögenden und Lohnempfängern. Diese Verantwortung wird in der öffentlichen Debatte kaum thematisiert. Sie wäre zentral.
Die Politiker, die seit Jahrzehnten Staatsschulden anhäufen, die durch Inflation entwertet werden, tragen Verantwortung für die schleichende Enteignung der Sparer. Diese Verantwortung wird selten benannt. Sie wäre konkret.
Die Regulierer, die Branchen so gestalten, dass etablierte Akteure geschützt und Neueinsteiger ausgeschlossen werden, tragen Verantwortung für die Konzentration von Marktmacht. Diese Verantwortung wird unter dem Schlagwort «Kapitalismus» entpersonalisiert. Sie wäre adressierbar.
Die Sozialpolitiker, die immer neue Leistungen versprechen, ohne deren Finanzierung sicherzustellen, tragen Verantwortung für die wachsenden Belastungen des Mittelstands. Diese Verantwortung wird durch die Behauptung kaschiert, der Mittelstand werde «vom Kapitalismus» belastet. Sie liegt aber bei den Sozialpolitikern, die die Ausgabenseite expandieren.
Wer diese Verantwortlichkeiten korrekt benennt, geht ein politisches Risiko ein. Er bekommt nicht den Beifall, den die Generalkritik am Kapitalismus erntet. Er bekommt aber die Genugtuung der präzisen Analyse — und die Chance, Veränderungen zu ermöglichen, die das System tatsächlich verbessern könnten.
Schluss: Wer hat das ausgedacht?
Der Kapitalismus, den die Kritiker beklagen, existiert nicht. Was existiert, ist ein hybrides System, in dem die Verlustmechanismen des Marktes ausgeschaltet sind und die Profitmechanismen ungebremst weiterlaufen. Dieses System produziert die Folgen, die der Kapitalismuskritik als kapitalistische Folgen erscheinen — obwohl sie tatsächlich Folgen der nichtkapitalistischen Elemente sind.
Roland Baader hat das System «Geldsozialismus» genannt. Der Begriff ist scharf, aber präzise. Die Geldwirtschaft, die das Rückgrat jeder modernen Volkswirtschaft bildet, ist sozialistisch organisiert. Sie steht unter staatlicher Kontrolle, sie wird zentral geplant, sie dient politischen Zwecken. Die marktwirtschaftlichen Elemente, die auf diesem Fundament aufbauen, sind dadurch grundlegend verzerrt. Sie produzieren Ergebnisse, die einer freien Marktwirtschaft nicht entsprechen würden.
Wer das System ändern will, muss bei den Fundamenten ansetzen. Bei der Geldordnung, bei der Notenbankpolitik, bei der staatlichen Verschuldung, bei der Sozialisierung von Verlusten, bei der Privatisierung von Gewinnen. Wer beim «Kapitalismus» ansetzt, im Sinne einer weiteren Beschneidung der Marktelemente, verstärkt die nichtkapitalistischen Strukturen — und damit die Probleme, die er beklagt.
Es ist eine bittere Ironie der Gegenwart, dass die Kritik am Kapitalismus den Geldsozialismus stützt, weil sie ihn nicht benennt. Und dass die Verteidiger des Kapitalismus oft genau dieses hybride System verteidigen, weil sie es für Kapitalismus halten. Beide Lager täuschen sich. Beide tragen zur Aufrechterhaltung eines Systems bei, das weder das eine noch das andere ist.
Die erste Aufgabe einer ehrlichen Debatte wäre, die Begriffe zu klären. Was wir haben, ist kein Kapitalismus. Was wir kritisieren, ist nicht der Kapitalismus. Was zu reformieren wäre, sind nicht die Marktelemente, sondern die nichtmarktlichen Strukturen, die sie verzerren. Bis diese Klärung stattfindet, wird die Kritik ihre Wirkung verfehlen und die Reformbemühungen werden in eine Sackgasse führen.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Der Kapitalismus, den wir nicht haben, wäre nicht die Lösung aller Probleme. Aber das System, das wir haben und das wir fälschlich Kapitalismus nennen, ist ein wesentlicher Teil ihrer Ursache. Wer das verwechselt, kann nichts reparieren.
Es bleibt eine Frage offen: Wer hat das ausgedacht? Wer hat die intellektuelle Grundlage dafür gelegt, dass Staaten unbegrenzt Schulden machen können, dass Notenbanken die Wirtschaft «steuern» sollen, dass der Verlustmechanismus durch staatliche Intervention ausser Kraft gesetzt werden darf? Diese Person hat einen Namen. Sie war Cambridge-Mathematiker, Diplomat, Spekulant — und der wahrscheinlich brillanteste Ökonom des 20. Jahrhunderts. Seine Ideen haben sich nicht durchgesetzt, weil sie stimmten. Sie haben sich durchgesetzt, weil sie politisch unwiderstehlich waren.
Davon handelt der nächste Teil.
Nächste Folge: «Der Mann, dessen Ideen wir leben» — über John Maynard Keynes, den charmantesten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, und warum seine Theorie für jeden Politiker «so attraktiv ist wie eine Geliebte, die alles erlaubt» (Hayek).
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