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Analyse
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Die Form, die man nicht zeichnen darf

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Über die Aneignung von Symbolen, die Asymmetrie der Toten und wer das Recht hat, Geometrie zu kontaminieren

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Jemand hat neulich gefragt, ob wir das Hamas-Dreieck verwendeten. Die Rede war von einem auf dem Kopf stehenden roten Dreieck, das in einigen Videos der Organisation auftaucht. Die Frage bezog sich auf ein Emoji. Ein Dreieck. Nach oben oder nach unten. Rot. Das war der Befund.

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Das Dreieck ist die einfachste stabile Form der Geometrie. Es ist das erste, was ein Kind zeichnet, wenn es anfängt, Häuser zu malen. Es ist in der Architektur, in der Mathematik, in der Natur. Es ist die Tragstruktur jeder Brücke, jedes Dachs, jeder Konstruktion, die stehen soll. Es ist die Form, die nicht kippt.

Und jetzt soll es kontaminiert sein. Weil eine Organisation es in einigen Videos verwendet hat. Als Markierung. Als visuellen Code. Als Erkennungszeichen.

Das ist der Moment, in dem man aufhören sollte, über Symbole zu sprechen, und anfangen sollte, über Macht zu sprechen.

Die Logik der Kontamination

Die Logik lautet: Wenn eine schlechte Organisation ein Symbol verwendet, wird das Symbol schlecht. Wer das Symbol danach verwendet, unterstützt die Organisation — wissentlich oder unwissentlich. Die Kontamination ist total. Sie erfasst die Absicht nicht. Sie erfasst den Kontext nicht. Sie erfasst die Form.

Diese Logik hat eine Konsequenz: Sie gibt schlechten Organisationen die Macht, visuelles Vokabular zu zerstören. Jede Organisation, die ein Symbol übernimmt, entzieht es der Allgemeinheit. Je mehr Symbole sie übernimmt, desto kleiner wird der Raum, in dem man sich bewegen kann, ohne verdächtig zu sein.

Das ist nicht zufällig. Es ist eine Strategie. Wer Symbole kontaminiert, kontaminiert den Raum der Kommunikation. Er zwingt alle anderen, sich zu erklären. Er zwingt alle anderen, sich zu distanzieren. Er zwingt alle anderen, aufzupassen, was sie verwenden, wie sie es verwenden, wo sie es verwenden.

Die Antwort auf diese Strategie kann nicht lauten: Wir geben euch alle Symbole, die ihr verwendet. Wir ziehen uns zurück. Wir meiden die Formen, die ihr kontaminiert habt. Das wäre Kapitulation. Es wäre die Anerkennung, dass schlechte Akteure das Definitionsmonopol über die visuelle Welt haben.

Die Asymmetrie der Toten

Jetzt kommt die Frage, die man stellen muss, wenn man über Symbole und ihre Kontamination spricht.

Das Hakenkreuz: verboten. In Deutschland, in Österreich, in vielen anderen Ländern. Die Verwendung ist strafbar. Die Kontamination ist total. Das Symbol, das jahrtausendelang ein Zeichen des Wohlergehens war, das in hinduistischen Tempeln steht, in buddhistischen Klöstern, in asiatischen Kulturen auf der ganzen Welt — dieses Symbol ist im Westen zerstört. Die Nazis haben es gestohlen, gedreht, und die Welt hat es ihnen überlassen.

Die Hammer-und-Sichel: erlaubt. Auf T-Shirts in Berliner Bars. Auf Taschen in Zürcher Cafés. Auf Plakaten an Universitäten. Als ästhetisches Statement, als «edgy» Mode, als Ausdruck von Solidarität mit der Arbeiterklasse. Als wäre die Sowjetunion ein fehlgeschlagenes Experiment mit guten Absichten und nicht ein Regime, das über hundert Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Die Zahlen sind umstritten, aber die Grössenordnung nicht. Der Schwarzbuch des Kommunismus zählt 94 Millionen. Andere Schätzungen liegen höher. Die Sowjetunion allein: 20 Millionen unter Stalin. China unter Mao: 65 Millionen. Kambodscha unter den Roten Khmer: 2 Millionen. Nordkorea, Kuba, Osteuropa, Afrika — die Liste ist lang.

Die Nazis haben 6 Millionen Juden ermordet. Und Millionen andere. Der Holocaust ist das grösste Verbrechen der europäischen Geschichte. Die Zahl ist nicht die einzige Masszahl der Grausamkeit, aber sie ist eine Masszahl.

Und doch: Das Symbol des Regimes, das 6 Millionen ermordet hat, ist absolut verboten. Das Symbol des Regimes, das 20 Millionen ermordet hat, ist ein Fashion-Statement.

Wie ist das möglich?

Der Sieg der Erzählung

Die Antwort ist nicht moralisch. Sie ist politisch.

Die Sowjetunion sass in Nürnberg auf der Anklagebank — nicht als Angeklagte, sondern als Richter. Die Sieger definieren, welches Verbrechen ein Verbrechen ist und welches ein Fehler auf dem Weg zum Fortschritt. Die Sieger schreiben die Geschichte. Die Sieger bestimmen, welches Symbol kontaminiert ist und welches rehabilitiert werden kann.

Der Kommunismus hatte im Westen Intellektuelle, die ihn verteidigten. Sartre, Brecht, Horkheimer — die Liste derer, die den Kommunismus als Projekt mit guten Absichten betrachteten, ist lang. Sie haben das Symbol nicht verteidigt, aber sie haben die Ideologie verteidigt, die dahinter steht. Und wer die Ideologie verteidigt, verteidigt das Symbol.

Der Nationalsozialismus hatte keine Verteidiger nach 1945. Keine Intellektuellen, die das Projekt als solches verteidigten. Keine Universität, die die Ideologie als fehlerhaften Versuch betrachtete, es aber mit den besten Absichten versah.

Es geht ja beim Nationalsozialismus auch nicht: den kann man nicht verteidigen. Die Kontamination war total, weil die Verteidigung null war.

Das ist der Unterschied. Nicht die Zahl der Toten. Nicht die Art der Grausamkeit. Die Anwesenheit von Verteidigern im kulturellen Raum.

Wer das Hakenkreuz verwendet, ist ein Nazi. Punkt. Wer die Hammer-und-Sichel verwendet, ist ein Romantiker, ein Idealist, jemand, der an eine bessere Welt glaubt. Die Tatsache, dass diese bessere Welt 100 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, spielt keine Rolle. Die Erzählung hat gesiegt.

Das Recht auf Geometrie

Zurück zum Dreieck.

Die 9min verwendet ein Dreieck als visuelles Element. Nicht als politisches Symbol. Nicht als Erkennungszeichen. Als fehlendes Puzzleteil. Als die Form, die das Quadrat vervollständigt. Als das Element, das fehlt, um das Bild ganz zu machen.

Das ist keine Anspielung auf Hamas. Es ist keine Anspielung auf irgendeine Organisation. Es ist eine Anspielung auf das Fehlende. Auf das, was nicht gesagt wird. Auf das Stück, das die Medien weglassen, wenn sie berichten.

Wer das Dreieck als Hamas-Symbol liest, hat mehr über seine eigene Medienaufnahme ausgesagt als über die Absicht der Verwendung. Wer bei einem Dreieck sofort an Hamas denkt, verbringt zu viel Zeit in den falschen Feeds.

Aber das eigentliche Problem ist nicht die Assoziation. Das eigentliche Problem ist die Forderung, die daraus abgeleitet wird: Hör auf, das Dreieck zu verwenden. Es ist kontaminiert. Du darfst es nicht mehr verwenden.

Diese Forderung ist die Logik der Kapitulation. Sie besagt: Schlechte Akteure haben die Macht, dir dein visuelles Vokabular zu nehmen. Sie müssen nichts tun, ausser ein Symbol zu verwenden, und du gibst es auf. Du ziehst dich zurück. Du überlässt ihnen das Feld.

Die Antwort muss lauten: Nein.

Ein Dreieck ist ein Dreieck. Es ist Geometrie. Es ist die älteste Form der Konstruktion. Es gehört niemandem. Es kann von niemandem kontaminiert werden, ausser man lässt es zu.

Die 9min wird das Dreieck weiterhin verwenden. Als das fehlende Stück. Als die Form, die auf das verweist, was nicht gesagt wird. Als das Element, das den Rahmen sprengt.

Wer das als Hamas-Symbol liest, hat das Problem. Nicht die Form.

Die Struktur der Aneignung

Was hier geschieht, ist Teil eines grösseren Musters. Die Aneignung von Symbolen ist nicht zufällig. Sie ist eine Strategie der kulturellen Hegemonie.

Wer definiert, welche Symbole erlaubt sind und welche nicht, definiert den Raum des Sagbaren. Wer das Hakenkreuz verbietet und die Hammer-und-Sichel zulässt, hat eine politische Entscheidung getroffen. Wer das Dreieck als Hamas-Symbol markiert und das Kreuz als christliches Symbol belässt, hat eine politische Entscheidung getroffen. Wer die Keffiyeh als Solidaritätssymbol akzeptiert und die israelische Flagge als Provokation betrachtet, hat eine politische Entscheidung getroffen.

Diese Entscheidungen werden nicht demokratisch getroffen. Sie werden nicht in einem Parlament debattiert. Sie werden nicht in einer Abstimmung entschieden. Sie werden in den Redaktionen der Medien getroffen, in den Kuratierungen der sozialen Netzwerke, in den Algorithmen der Plattformen.

Die Bürger haben darauf keinen Einfluss. Sie können das Symbol nicht verwenden, weil die Plattform es markiert. Sie können die Form nicht zeichnen, weil die Assoziation hergestellt wird. Sie können das Bild nicht zeigen, weil der Kontext kontaminiert ist.

Das ist die neue Form der Zensur. Sie verbietet nicht den Text. Sie kontaminiert das Bild. Sie verbietet nicht das Wort. Sie markiert das Symbol. Sie verbietet nicht die Meinung. Sie entwertet das Vokabular, in dem die Meinung ausgedrückt werden könnte.

Der Befund

Ein Dreieck. Eine Form. Die einfachste stabile Struktur der Geometrie.

Und jetzt eine Frage, die man stellen muss: Darf man es noch verwenden?

Die Antwort derer, die die Kontamination betreiben, lautet: Nein. Es ist kontaminiert. Es ist besetzt. Es gehört jetzt jemand anderem.

Die Antwort derer, die sich weigern, die Kontamination zu akzeptieren, lautet: Ja. Es ist eine Form. Es gehört niemandem. Es kann von niemandem besetzt werden, der nicht die Macht hat, es zu definieren.

Die 9min wählt die zweite Antwort. Das Dreieck bleibt. Als fehlendes Stück. Als Form des Fehlenden. Als Geometrie, die niemandem gehört.

Wer bei einem Dreieck an Hamas denkt, muss sich fragen, wer ihm beigebracht hat, dass eine Form ein Feind sein kann. Die Antwort wird ihn nicht freuen.

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