Die Maschine läuft wieder
Fünf Monate nach Fischer: Xhaka, dieselbe Staatsanwaltschaft, dasselbe Format — und weiterhin kein Wort zu den RKI-Akten
Die Fakten zuerst, sauber getrennt. Am 19. September bestätigte die Staatsanwaltschaft Luzern die Ermittlungen gegen Granit Xhaka — Verdacht der Urkundenfälschung im Zusammenhang mit einem Covid-Zertifikat aus dem Jahr 2022. Am 21. September räumte Xhaka ein, eine «Impfbestätigung erworben» zu haben, zog sich aus dem Nati-Camp zurück und kündigte volle Kooperation an. Der SFV reagierte gelassen: Präsident Knäbel lobte ausdrücklich, «wie man als Captain reagieren sollte»; Nati-Direktor Tami erklärte die Causa «für den Moment» für erledigt. Die Unschuldsvermutung gilt. Was genau vorgefallen ist — ob ein Arzt wissentlich falsch bescheinigte, getäuscht wurde, oder die Konstellation anders aussieht — ist Gegenstand der Untersuchung, nicht der Berichterstattung. Der Fall ist faktisch weniger klar als der Fishers, der einst per Telegram ein gefälschtes Zertifikat bestellte und das nie bestritt.
Soweit der Sachverhalt. Jetzt zur Struktur.
Das Muster. Fünf Monate nach Patrick Fischer läuft dieselbe Maschine an. Dieselbe Staatsanwaltschaft. Derselbe Tatbestand. Dasselbe abgeschaffte Regime, dessen Dokumente nicht mehr existieren. Derselbe Timing-Zufall: wieder unmittelbar vor Pflichtspielen der Nationalmannschaft. Und dieselbe Kadenz: sechs Beiträge in vier Tagen. Ermittlungsmeldung, Geständnis, zwei Verbandsstimmen, Vergleichsstück, Expertenstück. Bei Fischer kam der PR-Berater, bei Xhaka der Strafrechtsdozent. Die Rollen rotieren, das Format bleibt.
Ein Unterschied: Diesmal hat SRF die Geschichte nicht selbst ausgehoben. Die Ermittlungen wurden zuerst von Blick und 20 Minuten gemeldet; SRF folgte binnen Stunden. Der Sender ist diesmal nicht der Auslöser, sondern der Verstärker. Für den Befund ist das unerheblich. Die Frage war im April nie, wer das Feuer gelegt hat — sie war, wer das Benzin verteilte. Jetzt vertreibt dieselbe Redaktion dasselbe Benzin, diesmal ohne Eigenverantwortung, aber mit derselben Selbstverständlichkeit.
Bemerkenswert ist übrigens, was die Verbände gelernt haben. Die SIHF kapitulierte im April binnen 48 Stunden vor der Druckkaskade. Der SFV hält die Linie, entlässt niemanden, lobt das Verhalten seines Captains. Die Institutionen haben aus dem Fischer-Fall gelernt. Die Redaktion, die ihn produzierte, nicht.
Der Experte. Das heutige Stück ist eine Lehrstunde in Rahmenbildung. SRF befragt Sven Zimmerlin, Dozent für Strafrecht an der ZHAW. Seine erste inhaltliche Aussage: «Wir sprechen beim Tatbestand der Urkundenfälschung von einem Verbrechen.» Freiheitsstrafe bis fünf Jahre. Das ist die erste Information, die der Hörer erhält: Verbrechen. Fünf Jahre.
Seine letzte Aussage: «Ich gehe davon aus, dass es am Ende wahrscheinlich auf eine bedingte Geldstrafe hinauslaufen wird.»
Das ist die rhetorische Struktur des Stücks: die theoretische Maximaldrohung zuerst, die realistische Erwartung als Fussnote. Der Hörer merkt sich «Verbrechen». Er merkt sich nicht «bedingt». Beides ist korrekt — Urkundenfälschung ist formal ein Verbrechenstatbestand, und Ersttäter mit Geständnis und Kooperation erwarten bedingte Strafen. Aber die Reihenfolge ist die Botschaft. Ein Stück, das mit «wahrscheinlich bedingte Geldstrafe» begänne und «formal ein Verbrechenstatbestand» nachschöbe, transportierte dieselben Fakten in einem anderen Register.
Und man stelle sich dieses Expertenformat auf die andere Seite der Waage angewandt vor. Ein Strafrechtsdozent, gefragt: «Was bedeutet es rechtlich, wenn ein Bundesamt die gerichtlich angeordnete Offenlegung von Verträgen in Milliardenhöhe hinauszögert?» Ein solches Stück existiert nicht. Die Frage wurde nie gestellt.
Die Selbstreferenz. Unter den sechs Beiträgen: «Was den Fall Xhaka vom Fall Fischer unterscheidet». SRF vergleicht hier seine eigene Berichterstattung mit seiner eigenen Berichterstattung. Der Fischer-Fall ist kein externes Ereignis mehr, sondern ein interner Referenzrahmen — die Redaktion zitiert sich selbst als Kontext. Das Gespräch mit dem Strafrechtler führte Julius Schmid, derselbe Autor, der im April den sechzehnminütigen Podcast produzierte, der Fischers Krisenkommunikation sezierte. Die Rotation ist klein. Die Perspektive bleibt intern.
Das Vergleichsstück ist mehr als Einordnung. Es ist eine Verhaltensanweisung. Die Botschaft an alle künftigen Betroffenen: Fischer, der zögerte und schönte, verlor alles; Xhaka, der sofort gestand und kooperierte, wird gelobt — vom Verband, und implizit vom Sender. Die Recherche kommt, und es gibt einen korrekten Ablauf. Das Vergleichsstück ist das Handbuch dazu.
Die andere Seite der Waage. Und hier wird der Befund derselbe wie im April.
Die RKI-Akten — jene Protokolle, die dokumentierten, dass interne Einschätzungen der Pandemie-Verantwortlichen von der öffentlichen Kommunikation abwichen — haben auf SRF keine auch nur annähernd vergleichbare Behandlung erfahren. Keine Serie. Kein Expertenstück. Kein «Was bedeutet das rechtlich». Kein Podcast. Kein Vergleichsstück. Nichts, was auch nur von fern der Kadenz entspricht, die ein einzelner Sportler innerhalb von vier Tagen erhält.
Die BAG-Verträge: vier von sechs weiterhin geschwärzt. Seit April keine Nachfrage, kein Follow-up, keine Recherche. Das Bundesamt, das die Offenlegung bis vor Bundesverwaltungsgericht verweigerte und danach exakt nur das freigab, wozu es gezwungen wurde — für diese Institution produziert derselbe Sender, der heute einen Strafrechtsdozenten zur Schuldfrage eines Fussballers befragt, kein einziges Format.
Das ist die eigentliche Nachricht des Tages. Nicht, dass SRF über Xhaka berichtet — ein Ermittlungsverfahren gegen den Captain der Nationalmannschaft ist legitim Nachrichtenstoff. Sondern dass dieser Sender, gemessen an seiner eigenen Kadenz, zeigt, wofür er Aufwand mobilisiert und wofür nicht. Sechs Beiträge in vier Tagen für einen Einzelfall aus dem Jahr 2022. Keine Serie in zweieinhalb Jahren für die Aktenlage der Institutionen, die das Regime betrieben, gegen das verstiessen wurde.
Der Test. Würde irgendein Machtzentrum diese Berichterstattung zum Schweigen bringen wollen? Nein. Die Justiz arbeitet — sie ermittelt, sie wird urteilen, vermutlich mit bedingter Geldstrafe, wie der eigene Experte sagt. Die Verbände agieren gelassen. Die Berichterstattung stört niemanden, der Macht hat. Sie bestätigt im Gegenteil das Narrativ: Das Zertifikatsregime wird ein weiteres Mal retrospektiv legitimiert, indem sein Umgeher vorgeführt wird. Die Frage, ob das Regime selbst verhältnismässig war — die Frage, die die RKI-Akten aufgeworfen haben und die für die Schweiz nie gestellt wurde — wird auch diesen September nicht gestellt.
Fischer im April. Xhaka im September. Die Serie ist offen. Irgendwo in der Schweiz läuft gerade der nächste Fall von 2022 durch ein Verfahren oder ein Verjährungsfenster, und die Redaktion, die diese Serie betreibt, weiss es vielleicht schon. Was sie nicht weiss — weil sie nie gefragt hat —, ist, was in den Akten derer steht, die die Zertifikate konzipierten, die Verträge schlossen und die Kommunikation steuerten.
Der Zertifikat-Fälscher wird ein zweites Mal verurteilt, vor dem Tribunal der Kadenz. Die Zertifikat-Macher wurden nie ein einziges Mal befragt.
Unerbittlich nach unten. Höflich nach oben. Die Maschine läuft.
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