Die Weissagung der CDU
Der «Club» lädt Peter Altmaier, um die deutsche Krise zu erklären. Altmaier, Merkels Kanzleramtschef von 2013 bis 2018, enger Vertrauter, Mitglied der Regierung, die die Krise produzierte. Er liefert die ehrlichste Diagnose des Hauses seit dem Wahlabend: fünf Jahre kein Wachstum, Wohlstandsverlust, Menschen, die glauben, die Etablierten hätten sie vergessen. Und er sagt: Mit der AfD könne man Deutschland «auf keinen Fall regieren». Was niemand im Studio erwähnt: Die CDU schrieb 2002 in ihr eigenes Wahlprogramm den Satz, der die AfD voraussagte. «Verstärkte Zuwanderung würde den inneren Frieden gefährden und radikalen Kräften Vorschub leisten.» Die Partei des Gastes prophezeite die Partei, die jetzt stärkste Kraft in drei Ländern ist. Dann regierte sie gegen die eigene Weissagung. Der Mann, der dabei half, sitzt im Studio und diagnostiziert die Erfüllung. Niemand hält ihm die Schrift vor.
Zum SRF-Beitrag «Altmaier: ‹Wir haben eine Parteienkrise und eine Staatskrise›», SRF Club, 23.09.2026
Was der Beitrag leistet: Altmaier ist ein besserer Gast als der Durchschnitt seiner Zunft. Er nennt die wirtschaftliche Ursache, die andere verschweigen: kein Wachstum, Wohlstandsverlust, Abstiegsängste. Er verzichtet auf die Psychologisierung der Wähler, die die Analyse desselben Hauses eine Woche zuvor dominierte. «Menschen suchen Zuflucht bei radikalen Parteien, weil sie glauben, dass die etablierten Parteien sie vergessen haben» — das ist die Erklärung, die in der «Lust auf das Extreme»-Analyse fehlte. Diese Ehrlichkeit ist echt, und sie macht die Auslassung erst messbar: Ein Mann, der so präzise diagnostiziert, weiss auch, was er verschweigt.
Die Schrift, die alles vorhersagte
Das Wahlprogramm der CDU/CSU vom Mai 2002. Der Abschnitt «Zuwanderung steuern und begrenzen». Die Sätze stehen schwarz auf weiss: «Deutschland kann kein klassisches Einwanderungsland werden.» «Wir erteilen einer Ausweitung der Zuwanderung aus Drittstaaten eine klare Absage, denn sie würde die Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft überfordern.» «Verstärkte Zuwanderung würde den inneren Frieden gefährden und radikalen Kräften Vorschub leisten.» Und: «In den Grossstädten bilden sich bereits Parallelgesellschaften», von einem «bedrohlichen sozialen Sprengstoff» ist die Rede, von der «Umgestaltung in eine multikulturelle Einwanderergesellschaft», die abgelehnt wird.
Das ist kein Randdokument eines Flügels. Das ist das gemeinsame Wahlprogramm der Union, verabschiedet unter Stoiber, der Kanzler werden wollte, getragen von der Partei, die zwanzig Jahre später von den Folgen der gegenteiligen Politik überrollt wird. Die AfD wurde 2013 gegründet, wurde 2024 zweitstärkste Kraft, gewann 2026 drei Länder. Jede ihrer Kernpositionen, die Altmaier im «Club» als Grund nennt, diese Partei nie regieren zu lassen, steht in abgeschwächter Form im Programm seiner eigenen Partei von 2002. Der Unterschied zwischen der CDU von 2002 und der AfD von 2026 ist kein inhaltlicher. Er ist ein zeitlicher: Die eine schrieb es vor, die andere lebt es.
Der Mann, der gegen die Schrift regierte
Altmaiers Biografie in diesem Konflikt: Kanzleramtschef ab 2013, Merkels enger Vertrauter, später Wirtschaftsminister. Das heisst: Er war in der Kommandozentrale der Jahre, in denen die Union gegen das eigene Programm regierte. 2015 öffnete Merkel die Grenzen — gegen die Warnung, die die eigene Partei 2002 schriftlich gegeben hatte. Die Sorgen der eigenen Wählerschaft, die das Programm dokumentiert hatte, wurden fortan als Rückständigkeit behandelt, die Kritiker als Rassisten etikettiert, der Flügel, der am Programm festhielt, an den Rand gedrängt. Altmaier war nicht Beobachter dieser Wende. Er war Kanzleramtschef ihrer Vollzugsjahre und enger Vertrauter der Frau, die sie vollzog. Die Frage, die sich für jeden Interviewer aufdrängt, lautet: Herr Altmaier, Ihre Partei schrieb 2002, verstärkte Zuwanderung gefährde den inneren Frieden und stärke radikale Kräfte. Ihre Regierung verstärkte die Zuwanderung. Die radikalen Kräfte sind da, exakt wie vorhergesagt. Übernehmen Sie Verantwortung? Diese Frage wurde nicht gestellt. Nicht in dieser Form, nicht in abgeschwächter, nicht in irgendeiner.
Die Vergessenen, die nicht vergessen waren
Altmaiers ehrlichster Satz: Die Menschen suchten Zuflucht bei radikalen Parteien, «weil sie glauben, dass die etablierten Parteien sie vergessen haben». Das Programm von 2002 widerlegt die Formulierung im Kern. Die CDU hatte die Sorgen ihrer Wähler nicht vergessen. Sie hatte sie aufgeschrieben, gebündelt, in ein Regierungsprogramm gegossen: die Parallelgesellschaften, den Sprengstoff, die Überforderung der Integrationsfähigkeit. Das war die Schriftform der Sorgen, die Altmaier jetzt beschwört. Dann kam die Regierung, der er angehörte, und tat das Gegenteil des Geschriebenen. Das ist kein Vergessen. Das ist die Kündigung eines schriftlichen Versprechens an die eigene Wählerschaft. Wer 2002 die Stimme eines Arbeiters in Thüringen bekam, weil man ihm schriftlich versprach, die Grenzen zu steuern, und der 2015 erlebte, dass dieselbe Partei die Grenzen öffnete und seine Sorgen als Unmenschlichkeit abtat, der wurde nicht vergessen. Er wurde entlassen. Die AfD ist der neue Arbeitgeber der Entlassenen, und die Stellenanzeige schrieb die CDU selbst, 2002, im eigenen Programm.
Die Partei, die den Raum baute, vor dem sie warnte
Die Prophezeiung von 2002 hat eine Eigenschaft, die sie von jeder anderen Warnung unterscheidet: Sie war selbstzerfüllend durch ihren Vollzug. Wer warnt, dass verstärkte Zuwanderung radikale Kräfte stärke, und dann die Zuwanderung verstärkt, produziert die Radikalen, vor denen er warnte. Die CDU schuf 2015 die Bedingung, die sie 2002 als Gefahr benannt hatte, und schuf damit das Vakuum, in dem eine Partei entstehen konnte, die das Programm von 2002 in Reinform anbietet. Die AfD ist nicht der Gegensatz zur CDU von 2002. Sie ist ihr Erbe, das ausgestellt wird, nachdem der Nachlassverwalter alles verschenkt hat. Und Altmaier darf im «Club» erklären, diese Partei sei regierungsuntauglich, weil sie ablehnt, was die Union 2002 selbst ablehnte: die multikulturelle Einwanderungsgesellschaft, die ungesteuerte Zuwanderung, die Überforderung der Integration. Der Mann verweigert der Partei die Regierungsfähigkeit, die die Positionen seiner eigenen Vergangenheit vertritt. Ein Interviewer, der das Programm von 2002 auf dem Tisch hätte, müsste nur eine Frage stellen: Worin genau unterscheidet sich das, was Sie 2002 versprachen, von dem, wogegen Sie jetzt die Brandmauer verteidigen? Die Antwort wäre entweder eine Absage an das eigene Programm oder eine Absage an die Brandmauer. Beides wäre Nachricht. Beides wurde nicht gefragt.
Das Format, das die Schrift liegen liess
72 Minuten, ein Gast, ein Moderator, das auf Tiefe angelegte Flaggschiff der politischen Talkformate des Hauses. Der Gast: ein Mann mit dreissig Jahren Innenperspektive, Kanzleramtschef, Minister, Vertrauter. Das Material: ein Wahlprogramm, das öffentlich ist, online liegt und die gesamte Krise in einem Abschnitt vorhersagt. Was das Format daraus macht: eine Schlaffrage, eine Personalie, eine Bittstellung um Diagnose. Die Konfrontation des Insiders mit seiner eigenen Schrift ist keine böse Frage. Sie ist die einzige Frage, die einen Mann wie Altmaier interessant macht. Jeder Redakteur kann die Symptome der deutschen Krise auflisten. Nur ein Interview kann den Mann mit dem Dokument konfrontieren, das er mitherstellte und dann übertrat. Das Format hatte den privilegierten Zugang und benutzte ihn für Befindlichkeit. Der «Club» war der einzige Ort des Landes, an dem diese Frage gestellt werden konnte, mit dem Gast, der sie beantworten müsste, und er stellte sie nicht.
Das Muster ist der Prophet ohne Konfrontation. Die Architekten einer Entwicklung werden als ihre Analysten eingeladen, und die Interviewer behandeln sie als Beobachter. Dazu die Steigerung, die diesen Fall einzigartig macht: Die Partei des Gastes schrieb die Entwicklung voraus, in einem Regierungsdokument, mit Datum und Unterschriftsebene. Die Weissagung wurde erfüllt, durch die Regierung, der der Gast angehörte, gegen die eigene Schrift. Und die einzige Instanz, die die Kette ziehen könnte, das Interview, fragt nach dem Schlaf. So entsteht die seltsamste Figur der deutschen Debatte: die Krise, erzählt vom Mitverursacher, der die Vorhersage mitbegrub, ohne dass irgendjemand die Schaufel erwähnt.
So funktioniert dieser Beitrag: Er lädt den Mann, dessen Partei die AfD 2002 schriftlich voraussag und dessen Regierung sie dann produzierte, als Analytiker ein und fragt ihn nach seinem Schlaf statt nach seiner Schrift. Die Diagnose ist ehrlich, die Autopsie fehlt: fünf Jahre ohne Wachstum, erzählt vom Minister dieser Jahre, und eine Vorhersage, erzählt vom Kanzleramtschef ihrer Vollzugsjahre, ohne dass das Dokument je erwähnt wird. Die «vergessenen» Wähler waren nicht vergessen, sie waren schriftlich vertröstet und dann entlassen. Die AfD wird für regierungsuntauglich erklärt, obwohl sie das Programm von 2002 vertritt, das der Gast mitverantwortete. Und das 72-Minuten-Format, das die Konfrontation hätte liefern können, liefert Empathie. Wer den Beitrag sieht, weiss, dass Deutschland eine Krise hat und dass Altmaier schlecht schlief. Wer wissen will, warum die AfD existiert, braucht kein Interview. Er braucht ein Dokumentenarchiv und den Abschnitt «Zuwanderung steuern und begrenzen» von Seite 74. Die Antwort steht dort seit vierundzwanzig Jahren. Der «Club» hatte den Mann, der sie schrieb und übertrat, und stellte die einzige Frage nicht, die sie verdient hätte: Wissen Sie noch, was Ihre Partei 2002 versprach — und warum haben Sie es gebrochen?
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