Fehlender Kontext als Sinnverzerrung
Richtige Fakten, falsche Einordnung
Ein Bericht enthält faktisch korrekte Aussagen, lässt aber den Kontext weg, der erst die richtige Einordnung ermöglicht. Eine Zahl wird ohne Vergleichsgrösse genannt. Ein Einzelfall wird ohne Basisrate präsentiert. Eine Aussage wird ohne ihren historischen Hintergrund zitiert. Das Resultat ist ein technisch wahres, inhaltlich aber irreführendes Bild.
Erkennungsmerkmale
- Absolutzahlen ohne Verhältniszahlen (oder umgekehrt)
- Zeitreihen, die erst ab einem für die These günstigen Startpunkt beginnen
- Zitate ohne Datum oder ohne Angabe der ursprünglichen Situation
- Vergleiche mit dem Ausland ohne Erklärung struktureller Unterschiede
- Begriffe, die in einem Fachkontext eine präzise Bedeutung haben, werden laienhaft verwendet
- «Experten sagen» ohne Angabe, welche Experten, in welchem Kontext, mit welcher Datenlage
Wirkung
Kontextmangel ist die subtilste Form der Fehlinformation, weil er keine falschen Aussagen erfordert. Er verschiebt die Bedeutung, indem er den Rahmen weglässt, der zur richtigen Interpretation notwendig wäre. Besonders gefährlich bei Gesundheitsberichterstattung, Statistiken und politischen Vergleichen: Das Publikum rationalisiert das Fehlende weg und füllt die Lücke mit verfügbaren Heuristiken — oft genau den Heuristiken, die der Bericht implizit nahelegt.