Der Mini-Schritt in die falsche Richtung
Dieser SRF-Beitrag ist eine Agenturmeldung mit Einordnungsbox: Die EZB erhöht den Leitzins erstmals seit 2023 um 0.25 Punkte auf 2.25 Prozent, als Reaktion auf den Inflationsschub infolge des Iran-Kriegs. Die hauseigene Wirtschaftsredaktorin liefert dazu eine bemerkenswert kritische Analyse — und bricht sie genau einen Satz vor ihrer eigenen Schlussfolgerung ab. Denn wer argumentiert, dass Zinserhöhungen gegen Überhitzung wirken und hier ein wachstumsdämpfender Angebotsschock vorliegt, hat soeben begründet, warum diese Zinserhöhung das falsche Instrument ist. Dazu kommt eine zweite, grundsätzlichere Leerstelle: Die Frau, die diese Entscheidung verkündet, wurde von einem französischen Gericht schuldig gesprochen — und kein Beitrag über sie erwähnt es je.
Zum SRF-Beitrag «EZB erhöht den Leitzins erstmals seit 2023», SRF 4 News, 11.06.2026
Was der Beitrag gut macht
Die Einordnungsbox von Charlotte Jacquemart ist das Beste am Stück — und für öffentlich-rechtliche Verhältnisse ungewöhnlich deutlich. Sie benennt die Zinserhöhung als das, was sie ist: ein demonstrativer «Mini-Zinsschritt», eine «Absicherung», mit der die EZB Handlungsfähigkeit signalisieren will. Sie erinnert daran, dass die Notenbanken 2022 «zu lange zuwarteten», bis die Inflation auf über zehn Prozent explodierte — eine offene Benennung des historischen Versagens. Und sie erklärt den entscheidenden ökonomischen Unterschied präzise: 2022 traf die Inflation auf eine boomende Wirtschaft, heute auf eine schwächelnde; Zinserhöhungen wirken gegen Überhitzung, nicht gegen Angebotsschocks. Auch das Grundhandwerk stimmt: Der Transmissionsmechanismus (teurere Kredite, gedämpfte Nachfrage) wird laienverständlich erklärt, die Zahlen sind präzise, die Zwickmühle der EZB wird nicht verschwiegen.
Das erste Problem: Die Analyse bricht vor ihrer eigenen Konklusion ab
Und genau hier liegt die zentrale Schwäche. Jacquemarts Argumentation läuft messerscharf auf einen Punkt zu: Angebotsschock, nicht Nachfrageboom — Abkühlung, nicht Überhitzung — Zinserhöhungen wirken über die Nachfragebremse, aber die Nachfrage ist nicht das Problem. Die logische Schlussfolgerung aus diesen Prämissen lautet: Diese Zinserhöhung bekämpft die falsche Krankheit und verschärft die richtige. Eine Teuerung, die vom Ölpreis kommt, lässt sich nicht wegzinsen — kein Leitzins der Welt senkt den Preis eines Barrels Brent. Was der höhere Zins sehr wohl tut: Er verteuert Investitionen und Konsum in einer Wirtschaft, die der Energieschock bereits würgt. Das ist das Lehrbuch-Dilemma der Stagflation, und die Lehrbuch-Antwort darauf ist gerade nicht, prozyklisch in die Schwäche hinein zu straffen. Man kann mit guten Gründen vertreten, der Zins hätte stehen bleiben oder angesichts der Wachstumsschwäche gar sinken müssen — die Position existiert prominent in der ökonomischen Debatte, denn ein symbolischer Viertelpunkt dämpft die Öl-Inflation um praktisch nichts, kostet aber reale Investitionen.
Der Beitrag lässt diese Gegenposition nirgends zu Wort kommen. Jacquemart deutet sie an («Viele fürchten, dass höhere Zinsen die Wirtschaft zusätzlich bremsen»), flüchtet dann aber in die Kapitulationsformel «Da ist guter Rat teuer» — und niemand spricht den Satz aus, der in ihrer eigenen Analyse angelegt ist: Die EZB erhöht die Zinsen nicht, weil es ökonomisch wirkt, sondern weil es kommunikativ wirkt. Sie kauft sich mit den Kreditkosten der europäischen Wirtschaft ein Glaubwürdigkeits-Signal, um das Trauma von 2022 zu übertünchen. Das wäre die Geschichte gewesen. Stattdessen bleibt die Meldung bei der EZB-Selbstbeschreibung: Man «stemmt sich gegen den Inflationsschub» — als wäre die Wirksamkeit des Stemmens nicht genau die strittige Frage.
Das zweite Problem: Die Schuldiggesprochene, über deren Schuldspruch nie geredet wird
Christine Lagarde tritt im Beitrag auf wie immer: als Amtsperson, mit Foto, Titel und Zitat. Was wie immer fehlt, ist ein Faktum, das bei jedem anderen Amtsträger dieser Machtfülle Dauerthema wäre: Lagarde wurde im Dezember 2016 vom französischen Cour de Justice de la République — dem Sondergericht für Ministerkriminalität — der strafbaren Fahrlässigkeit im Amt schuldig gesprochen. Als Finanzministerin hatte sie eine betrügerische Schiedszahlung von rund 403 Millionen Euro Steuergeld an den Geschäftsmann Bernard Tapie nicht angefochten — obwohl der zuständige Beamte sie nach eigener Aussage wiederholt gewarnt und zur Anfechtung geraten hatte; das Gericht selbst nannte den Schiedsspruch «schockierend» und betrügerisch. Der Schuldspruch ist rechtskräftig. Bemerkenswert ist, was dann geschah: keine Strafe, kein Eintrag ins Strafregister — und noch am selben Abend sprach ihr das IWF-Direktorium das volle Vertrauen aus. Der damalige Präsident Hollande begründete die französische Rückendeckung später freimütig damit, Lagarde sei nun einmal die einzige Französin an der Spitze einer grossen internationalen Institution. Drei Jahre später wurde sie zur Präsidentin der EZB befördert.
Man muss die Pointe aussprechen: Eine Person, die ein Gericht für schuldig befand, bei der Veruntreuung von 400 Millionen Euro öffentlicher Gelder fahrlässig versagt zu haben, wurde nicht etwa aus dem öffentlichen Dienst entfernt — sie wurde an die Spitze der Institution gesetzt, die über die Währung von 350 Millionen Europäern wacht. Und die Medien haben kollektiv beschlossen, dass dieses Faktum keine Erwähnungspflicht hat. Kein SRF-Beitrag, keine Tagesschau, keine Agenturmeldung führt es je mit. Es geht nicht darum, jede Zinsmeldung mit der Tapie-Affäre zu beschweren — aber die vollständige, jahrelange Auslöschung eines rechtskräftigen Schuldspruchs aus dem öffentlichen Bild einer der mächtigsten Amtsträgerinnen Europas ist selbst ein medienkritischer Befund. Zumal die Glaubwürdigkeitsfrage hier keine Nebensache ist: Der ganze Beitrag handelt davon, dass die EZB mit diesem Zinsschritt Vertrauen demonstrieren will. Vertrauen ist das einzige Kapital einer Notenbank — und die Frage, wie viel davon eine Präsidentin mit Schuldspruch und eine Institution mit dem Inflationsversagen von 2022 noch besitzt, wäre journalistisch nicht nur legitim, sondern zwingend. Sie wird nie gestellt.
Das dritte Problem: Niemand widerspricht
Wie so oft trägt eine einzige Stimme die Einordnung — die hauseigene Redaktorin. Kein externer Ökonom, der die Erhöhung verteidigt oder zerpflückt, keine Stimme aus der Industrie, die unter Energie- und Zinskosten gleichzeitig ächzt, kein Kritiker der EZB-Bilanz. Lagardes Worthülsen passieren ungefiltert — und der Beitrag merkt nicht einmal, dass er ihre Kernfloskel doppelt abdruckt: «datenbasiert und in jeder Sitzung neu» als Zitat, gefolgt vom Satz «Stattdessen werde datenbasiert von Sitzung zu Sitzung entschieden» — derselbe Inhalt, zweimal hintereinander, einmal in Anführungszeichen und einmal als Paraphrase. Das ist keine Redundanz aus Sorgfalt, sondern aus Eile. Dazu klebt am Ende erneut der Eigenwerbeblock «Wählen Sie SRF als Ihre bevorzugte Quelle bei Google» — inzwischen offenbar fester Bestandteil jeder Meldung, gleichgültig ob darüber Häuser brennen oder Zinsen steigen.
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